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Der Wald steht schwarz

VON GERD HÖHLER

ZACHARO. Die schmale Straße, die sich von der kleinen Kreisstadt Zacharo an der Westküste des Peloponnes hinauf in die Berge schlängelt, führt in eine Mondlandschaft. Verkohlte Baumgerippe säumen den Weg. Vom Feuer ausgezehrte Stümpfe, wo noch vor drei Monaten prächtige Olivenhaine standen. Die Berge ringsum sind schwarz, so weit das Auge reicht. Der Feuersturm, der am 24. August über den Peloponnes fegte, hat scheinbar alles Leben vernichtet.

Wenige Kilometer vor dem Bergdorf Artemida macht die Straße eine Rechtskurve. "Hier war es", sagt Pantazis Chronopoulos. Der Bürgermeister von Zacharo war an jenem Freitagmittag, als die Flammenfront durch die Wälder auf Artemida zutobte, hinaufgefahren in die Berge, um zu helfen.

Als das Feuer den Ort erreicht und die ersten Häuser in Flammen aufgehen, entschließen sich Chronopoulos und einige Einwohner verzweifelt zur Flucht: Sie setzen sich in ihre Autos und versuchen, im Konvoi durch den brennenden Wald hinunter zur Küste zu gelangen. "Es war finster wie in der Nacht", erinnert sich Chronopoulos, "der Rauch nahm uns die Sicht".

In der Kurve passiert es: Der erste Pkw stößt mit einem entgegenkommenden Feuerwehrwagen zusammen. Das Löschfahrzeug stürzt um. Die Straße ist blockiert, die Flüchtenden sitzen in der Todesfalle. "Einige haben versucht, zu Fuß zu entkommen, wie brennende Fackeln torkelten sie in den Rauch", sagt Pantazis Chronopoulos. Stunden später fand man ihre verkohlten Leichen im Wald. Andere verbrannten in ihren Autos. Chronopoulos schaffte es gerade noch ins Dorf zurück. 23 Menschen starben an jenem Mittag in der Kurve. Die Leute von Artemida haben für die Toten am Straßenrand Gedenktafeln und Kreuze aufgestellt.

Zu jenen, die an diesem 24. August um ein Haar ihr Leben verloren hätten, gehört Charalambos Lambropoulos. Als das Feuer kommt,Freitag, 09.01.2009en. Aber er kommt zu spät, das Gehöft steht schon in Flammen. Er kann sich gerade noch in Sicherheit bringen. Die Verbrennungen in seinem Gesicht sind immer noch nicht verheilt. "Das Haus, die Ställe, die Maschinen, die Tiere: alles haben wir verloren", klagt der 66-Jährige.

Mit seiner Frau Angeliki lebt er jetzt in einem Wohncontainer, gleich neben dem Friedhof von Artemida. Eine winzige Wohnküche, eine Nasszelle, ein kleiner Schlafraum. "Wenn es regnet, tropft es uns beim Essen in die Suppe", sagt Charalambos und zeigt auf die undichten Stellen an der Decke. Ein kleiner Propangasofen soll die Kälte vertreiben.

Mit am Tisch sitzt Kostas, der erwachsene Sohn. Kostas redet nicht viel. Trübsinnig starrt er auf die Flasche Likör, die vor ihm auf dem Tisch steht. Sie ist halbleer. 10 000 Euro Soforthilfe hat die Familie nach der Katastrophe bekommen. "Aber das Geld reicht nicht ewig", sagt Charalambos Lambropoulos. "Wenn uns die Nachbarn nicht helfen würden, wüsste ich nicht weiter." Manche bringen ihnen Essen, andere stecken ihnen schon mal 50 Euro zu. "So schlagen wir uns durch", sagt Angeliki.

Die Möbel für den Container hat die Gemeinde gestellt, auch die Elektro-Kochplatte und einen kleinen Fernseher. Die Republik Zypern hat versprochen, die abgebrannten Häuser von Artemida wieder aufzubauen, ein Zeichen der Solidarität mit dem griechischen "Mutterland". Aber wann, steht in den Sternen.

Im Rathaus der Kreisstadt Zacharo unten an der Küste herrscht Hochbetrieb. Im winzigen Vorzimmer des Bürgermeisters treten sich die Bittsteller auf die Füße. Ständig klingeln die Telefone, piepen die Faxmaschinen. Das Feuer ist seit drei Monaten gelöscht, aber Bürgermeister Chronopoulos ist seitdem nicht zur Ruhe gekommen. Er versucht, eine Dauerkrise zu managen. "Die Schäden sind inzwischen vollständig aufgenommen, die Obdachlosen sind untergebracht, niemand leidet unmittelbare Not", sagt Chronopoulos.

Gewiss, Klagen hört auch er. "Ich stehe der gegenwärtigen Regierung in Athen politisch nicht nahe", sagt der Linkspolitiker, "aber eines muss ich ihr zugestehen: So schnell, so unbürokratisch und so großzügig wie in diesem Fall ist in unserem Land Katastrophenopfern noch nie geholfen worden."

Die Geschädigten bekommen staatliche Zuschüsse bis zu 950 Euro pro Quadratmeter für den Neubau abgebrannter Häuser. "Das ist viel Geld", sagt Bürgermeister Chronopoulos, "die tatsächlichen Baukosten liegen in unserer Gegend bei 650 Euro pro Quadratmeter." Fast 70 Prozent der Olivenbestände sind verbrannt, und bis die Freitag, 09.01.2009tens fünf Jahre.

Bis dahin bekommen die Bauern jährlich ihre Ernteausfälle vom Staat ersetzt. Die von der Athener Regierung bewilligten Hilfsgelder könnten "wie ein Konjunkturprogramm für unsere Region wirken", hofft der Kommunalpolitiker. Die anfangs gehegte Befürchtung, die Menschen würden zu Tausenden aus der Katastrophenregion in die Städte abwandern, hat sich nicht bewahrheitet: "Ich kenne keinen, der weggegangen ist", sagt Chronopoulos.

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Letzte Aktualisierung: Freitag, 09.01.2009

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Freitag, 09.01.2009