Vor einem halben Jahr brannten in Griechenland Wälder, Olivenhaine, Dörfer. Es gab viele Tote.Die meisten der Betroffenen stehen vor einer unsicheren Zukunft, denn mit der Hilfe harzt es.
Die schwarzgekleidete junge Frau poliert die Marmorplatte am Strassenrand. «Ioannis Siordinis, 43 Jahre» ist darauf eingraviert. Und dieses Datum: 24.8.2007. Ein halbes Jahr ist es her, dass der Familienvater hier, einen Kilometer ausserhalb des Dorfes Artemida, in den Flammen ums Leben kam. Für die traditionelle Gedenkfeier nach sechs Monaten möchte die Witwe des Forstwächters nun alles sauber haben. «Darüber hinwegkommen werde ich nie», sagt sie still. «Das hätte niemals passieren dürfen, das hätte man verhindern müssen - so viele Tote, so viele Tote!»
69 Menschen haben bei den verheerenden Waldbränden in weiten Teilen Griechenlands im vergangenen August ihr Leben verloren, allein in den Dörfern um die Kleinstadt Zacharo auf dem Westpeloponnes waren es 32.
Wiederaufbau im Fokus der Medien
Die Bilder aus Artemida, das 17 Opfer zu beklagen hatte, gingen um die Welt, und noch immer konzentriert sich das Medieninteresse auf das kleine Bergdorf - und damit auch die Aufmerksamkeit von Helfern. Das bekannte griechische Unternehmen Folli-Follie baut hier das bis auf die Grundmauern niedergebrannte Kaffeehaus, die Landarztpraxis, das Gemeindebüro und die Kirche wieder auf. «Eigentlich wollten wir alle Häuser übernehmen», sagt Firmenvertreter Nikos Papaspyros sichtlich enttäuscht, «aber die Republik Zypern hat sich auch angeboten.» Mit dem Wiederaufbau der verbrannten Häuser beginnen nun die Zyprer in dieser Woche.
Im Nachbardorf Makistos, wo die Feuersbrunst wohl durch die Unachtsamkeit einer alten Frau ihren Anfang genommen hatte, hat die Stiftung des Reeders Vardinojannis den Wiederaufbau übernommen. Makistos hatte am zweitmeisten Tote zu beklagen. «Aber wenn Sie einmal über den Berg schauen, da ist auch alles niedergebrannt, doch da tut niemand etwas für den Wiederaufbau», sagt Nikos Papaspyros durchaus selbstkritisch.
Warten auf finanzielle Hilfe
Evelyn Grupe und ihr Mann Rainer können das bestätigen. Das deutsche Ehepaar lebt und arbeitet seit 1990 auf dem Peloponnes, Sohn Nikolas und Tochter Marianna gehen in Zacharo zur Schule. Ihr gesamtes Vermögen hat die Familie in ihren Lebenstraum gesteckt: ein Haus in Schoini, einem klFreitag, 09.01.2009. Seit den Bränden setzen sich die Olivenhaine als schwarze Gerippe gegen den Horizont ab, vom Haus stehen nur noch die Aussenmauern. Das Auto konnte die Familie retten, alles andere ist verkohlt: der gesamte Hausrat, das Klavier der Tochter, Kleidung und Bücher und viele Erinnerungen. Heute leben die vier in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einem Dachgeschoss in Zacharo, gerade mit dem Nötigsten ausgestattet.
350 Euro Mietzuschuss sollte es für alle geben, die ihre Häuser verloren haben. Wie die Grupes, so haben auch alle anderen Berechtigten von diesem Geld noch nichts gesehen und werden von Woche zu Woche vertröstet. Als Vorauszahlung für den Wiederaufbau sind ihnen und weiteren 1500 Familien zwar 10 000 Euro ausgezahlt worden, doch wann und wie sie damit beginnen können, steht in den Sternen. Dabei hat Evelyn Grupe es sogar geschafft, den Berg von Unterlagen zusammenzutragen, der notwendig ist, um die 750 Euro pro Quadratmeter für den Wiederaufbau beantragen zu können. Maximal finanziert werden sollen 1200 ihrer ursprünglich 1800 Quadratmeter. Unter Berücksichtigung der aktuellen Baukosten würden den Grupes 60 000 Euro fehlen, um wieder einziehen zu können. Doch so weit sind sie ohnehin noch lange nicht. Denn mal heisst es, Schoini werde mit weiteren drei Dörfern von den Entschädigungszahlungen ausgenommen, weil die Einwohner bereits 1962 nach einem Erdbeben mit Fertighäuschen entschädigt worden seien, dann wieder, die Häuser in Schoini dürften nicht abgerissen und wiederaufgebaut, sondern nur ausgehend von der verblieben Bausubstanz renoviert werden. Dafür aber gibt es erheblich weniger Entschädigungszahlungen.
Olivenbauern vor dem Ende?
Kaum jemand weiss, mit welchen Entschädigungen er rechnen kann. Dabei haben sich auf dem Spendenkonto bei der Bank von Griechenland 180 Millionen angesammelt. Der frühere Aussenminister Petros Moliviatis verwaltet die Spenden von Firmen und Privatleuten aus dem In- und Ausland - und hat bisher kaum etwas ausgezahlt. Die Anträge lägen noch nicht vor, heisst die offizielle Begründung. Tatsächlich können viele der Betroffenen die notwendigen Unterlagen nur schwer beibringen: ihre Grundbucheintragungen, Kaufverträge und Baupläne sind verbrannt, sie bei den zuständigen Behörden neu aufsetzen und beglaubigen zu lassen, kostet ebenfalls Tausende von Euro.
Und die Olivenbauern müssen ohnehin noch bis März warten. Dann sollen Diplomlandwirte den tatsächlichen Schaden bestimmen und entscheiden, welche Bäume bFreitag, 09.01.2009 Bis dahin dürfen die Bauern ihre Bäume nicht beschneiden. Panajiotis Choremis hat es bei einem dennoch getan, zu Demonstrationszwecken. Saftiges Grün spriesst wieder aus den gekappten Ästen. «Wenn wir die Bäume mit gesundem Stamm gleich im September beschnitten hätten, hätten wir ein Erntejahr gewonnen», meint der 61jährige.
Um zu erkennen, welche Stämme noch genug Lebenssaft haben, braucht man so viel Erfahrung wie Choremis, der weiss, dass viel von dem neuen Grün, das aus den verkohlten Stämmen spriesst, im März wieder verdorrt sein kann. Daher wartet er geduldig auf die Gutachter. «Was bleibt mir auch anderes übrig?» 1250 «Wurzeln», wie es hier heisst, hat er oberhalb des Dorfes Xerochori gehabt, 250 sind ihm geblieben. Dass er davon nicht leben kann, braucht er nicht gross zu betonen. «Wenn uns Bauern nicht der Staat hilft, sehe ich keine Zukunft mehr.» Im besten Fall kann er von einigen Bäumen in drei Jahren wieder einen bescheidenen Ertrag erwarten, von den meisten allerdings erst wieder in sieben bis acht Jahren. Choremis hat in der Zeitung gelesen, dass es maximal 40 Euro pro Baum geben soll, auf eine genaue Summe kann auch er sich noch nicht einstellen.
Profitieren Tourismusinvestoren?
Dass der traditionelle Olivenbaum gar aus der uralten Kulturlandschaft verbannt, von Golfplätzen und Hotelanlagen verdrängt werden soll, argwöhnen lokale Umweltschützer. Panos Kanakaris gehört zum Komitee der Brandgeschädigten und wittert internationale Investitionspläne, als deren Makler sich der Bürgermeister von Zacharo profiliere. Die Pläne gingen auf Kosten von Naturschutzgebieten. Tatsächlich ist der Gemeinde kurz nach den Bränden vom Staat ein unversehrter, 15 Kilometer langer Strandstreifen «zur Nutzung» übertragen worden, der unter dem EU-Schutzprogramm «Natura 2000» steht. Kurz vor der Katastrophe hatten sich koreanische und saudische Investoren in der Gegend umgesehen. «Die Brände könnten den Politikern sehr zupass kommen», sagt Kanakaris. Zum Beispiel bei den Plänen zum Ausbau der «Ionischen Strasse» an der Westseite der Peloponnes, entlang derer die störenden Bäume den Flammen zum Opfer gefallen sind. Und bei den verbliebenen grünen Kiefern habe man ein wenig nachgeholfen, wissen Augenzeugen zu berichten.
«Reine Unfallprophylaxe», entgegnet Bürgermeister Pantazis Chronopoulos. Der ehemalige Sicherheitsbeamte heisst im Volksmund «der Sheriff». Er wacht über die Hallen, in denen die Sachspenden für die Bedürftigen gelagert werden. Wer dazugehört, kontrolliert der Bürgermeister persönlich, er wolle schliesslich verhindern, dass durch «unbegrenzte Spenden» die lokalen Geschäfte ruiniert würden. Den Vorwurf vieler Bürger, dass Brandopfer dabei leer ausgehen, potenzielle Neuwähler aber bedacht werden, weist er von sich, belegt es aber nicht. «Was fehlt, ist Transparenz», beklagt Umweltschützer Kanakaris.
In Olympia unter Zeitdruck
So sind den abenteuerlichsten Theorien Tür und Tor geöffnet, allen voran denen über Brandstiftungen, die bisher jedoch nicht nachgewiesen werden konnten. Viele der Ursachen für das riesige Ausmass der Brände kennt man jedenfalls: wegen fehlender Wartung funkensprühende Strommasten, wilde Abfalldeponien, fehlende Brandschneisen, vernachlässigte Wälder.
Zumindest im antiken Olympia will man keine Fehler mehr machen. Die Stiftung für Landwirtschaftsforschung hat die Aufforstung des berühmten Kronos- Hügels und der weiteren Umgebung übernommen. Die Flammen hatten im August den dichten Baumbestand niedergebrannt und fast das antike Heiligtum erreicht. Forstwissenschafter Giorgios Karetsos erklärt die Philosophie des riesigen Projekts: «Wir haben eine Auswahl von 56 Pflanzenarten für einen Mischwald aufgrund der örtlichen Flora, vor allem aber aufgrund antiker Beschreibungen zusammengestellt. In der Antike herrschten breitblättrige Bäume vor, die längst nicht so leicht und schnell brennen wie die Aleppokiefer, die hier vor dem Brand bestimmend war - für uns ist die Kiefer das Unkraut des Waldes.» 30 000 kleine Büsche und Bäume pflanzen Karetsos und seine Teams sieben Tage die Woche, schliesslich soll hier in Olympia am 25. März alles wieder einigermassen ansehnlich sein. Dann wird hier das olympische Feuer für die Sommerspiele in Peking entzündet und damit das weltweite Medieninteresse auf die antike Stätte gerichtet sein. Mit 2,7 Millionen Euro sponsern die Stiftung des Reeders Ioannis Latsis und die griechische Eurobank das botanische Lifting.
Etwas weiter südlich in dem kleinen Dorf Lapitha bei Zacharo haben sich ebenfalls Spender gefunden: Mit ein paar Euro haben Bürger Setzlinge gekauft, nächste Woche organisieren sie eine «symbolische Aufforstung».
Corinna Jessen, Zacharo (Tagblatt Schweiz)
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